Hermann Borgerding - Ausgehöhlt / Extraball -

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Jerk
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Hermann Borgerding - Ausgehöhlt / Extraball -

Beitragvon Jerk » Mo 29. Jul 2013, 13:21

Ausgehöhlt (der Verlag existiert nicht mehr, daher direkt bei http://hermannborgerding.blogspot.de )

Hermann Borgerding ist ein Urgestein der Undergroundliteratur. Seit Ende der 8ziger treibt er sich dort herum. Das erste Mal lese ich 1995 mit ihm. Er ist Altenpfleger, Sänger und Gitarrist und als er 2007 seine Krebsdiagnose bekommt, bricht er fast zusammen. Aber nur fast.
Hermann beschreibt ohne Rücksicht auf sich selber seine Erfahrungen. Die Angst, die vielen Tränen, unterkühltes Pflegepersonal, das offen zeigt, dass es sich ekelt, wenn nach der OP der Schleim aus der Luftröhre gesaugt werden muss, aber auch über Freunde. Freunde, die immer da sind, die ihn stützen, ihm helfen, Mut zusprechen und so verhindern, dass Hermann aufgibt und seinem Leben selbst ein Ende setzt.
Wie seine Lyrik ist auch der Roman schonungslos offen. Hermann lässt die Hosen runter, entblößt sich vor seinen Leser/-innen. Ob es nun seine Angst vor der OP ist, das Entsetzen nach der OP, als er das erste Mal in Spiegel schaut und visualisiert, was es heißt, alle Zähne und den Oberkiefer entfernt zu bekommen, oder ob es seine Nachbehandlungen sind. Verbrennung im Mund nach der Bestrahlung. Zusammenbrüche in seiner Wohnung, weil er zu schwach ist, aber sich weigert sich eine Magensonde legen zulassen und lieber unter Schmerzen Suppen und streng passierte Kost schluckt. Er magert runter von 80 auf 48 kg. Und doch ist immer wieder spürbar, dass er nicht aufgeben will. Das Leben ist lebenswert! Hermann lässt sich nicht unterkriegen, kämpft, denn schließlich hat er mittlerweile sechs Abstiege des VfL Bochum überlebt. Was soll ihm der Krebs da noch anhaben?
Er schreibt mit Gefühl, zeigt seine Gefühle und lässt uns daran teilhaben.
Seit 2008 gibt er wieder Lesungen. Mittlerweile hat er neue Zähne, seine Aussprache ist deutlicher geworden. Er ist wieder da. Geschwächt, aber noch lange nicht am Ende.

Extraball
Neue Gedichte aus Essen. Ja, der alte Bochumer ist nach Essen gezogen. Kaum zu glauben. Und sollte man eigentlich meinen, dass dies den Tilt-Mechanismus auslöst, ist genau das Gegenteil eingetreten – ein Extraball.
Ich bin nicht ganz sicher wie ich beschreiben soll, was Hermanns Texte ausmachen. Sie sind definitiv emotional, dabei nie oberflächlich oder aufgesetzt. Manchmal hat man den Eindruck, er gibt zuviel von sich preis, aber macht nicht genau das einen Dichter aus? Ist es nicht so, dass persönliche Krisen ebenso aufgearbeitet werden müssen, wie andere Themen? Melancholie ist nicht zu verkennen in den Gedichten, aber keine die ihn aufgeben, sondern eine, die ihn antreibt und weiter machen lässt. Er ist angeschlagen und doch wieder aufgestanden. Vielleicht besteht die wahre Kunst darin, Trotz gegen die Widrigkeiten des Lebens zu entwickeln und daraus Kraft zu ziehen. Wenn dem so ist, ist Hermann einer der Großen in der Literaturlandschaft.
Der Extraball ist wie sein Vorgänger ein Mittelfinger, der diesmal nicht so offen daher kommt, aber immer da ist. Zwischen der ganzen Liebe, seinen Hoffnungen und auch seiner Verzweiflung, ist immer dieser Ausdruck da, der sagt, dass das Leben ihm zwar übel mitgespielt hat, aber es hat ihn nicht gebrochen. Er ist immer noch da, drückt die Knöpfe und versucht die Outlanes zu umgehen. Bei jedem Extraball gibt es einen lauten Knall. Ihr werdet ihn hören, wenn ihr das Buch lest. Empfehlung!
Acheron Verlag, ISBN 978-3981022285
"Über das Schreiben gibt es nichts zu sagen. Du musst dich einfach vor deine Schreibmaschine setzen und bluten." Ernest Hemingway

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